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Open Source: Potential zum neuen Industriestandard?

Wie schätzt ein Experte den Status von Open Source ein? Nick Hamblin stand uns Rede und Antwort zu Gegenwart, Zukunft, Chancen und Risiken von Open Source

02 April 2020

Der gebürtiger Neuseeländer und Softwareentwicklungs-Spezialist Nicholas Hamblin übernahm kürzlich als neuer Bereichsleiter für „Digital and Cloud Transformation“ eine wichtige Führungsfunktion beim IT-Dienstleister TietoEVRY Austria. Wir baten ihn zum Interview über ein nach wie vor aktuelles Thema: die Open Source Technologie.

Nick, kannst du uns ein bisschen etwas zu deinem Background erzählen? 

Ich habe in den letzten fünf Jahren eine Organisation innerhalb von TietoEVRY geleitet, die auf die Entwicklung von Cloud-Technologien in der Halbleiter- und Telekommunikationsindustrie spezialisiert war. Diese beiden Industrien sind schon voll und ganz im Open-Source-Ökosystem angekommen. Die Halbleiterunternehmen nehmen eine dominante Rolle in Open-Source-Communities ein und beeinflussen Codes sehr stark, anstatt nur SDKs für ihre Kunden zu entwickeln, wie früher. Ihr Ziel ist, dass die Hardware effizient mit Open-Source-Lösungen läuft. Die Telekommunikationsunternehmen erkennen das Potential von Open-Source für sich im Hinblick auf das Zusammenspiel von Produkten und das Zerschlagen von Monopolen großer Anbieter, sodass Innovationen von neuen Unternehmen und Start-Ups besser gefördert werden können. Viele der großen Gemeinschaftsinitiativen im Bereich der Vernetzung und des Cloud-Computing wären ohne diese Beiträge undenkbar. Ich denke da an Open Networking Automation Platform (ONAP), Open RAN, OpenStack, OPNFV oder Akraino Edge Stack.

Open Source ist Software mit öffentlich zugänglichem Quelltext, die teils kostenfrei verfügbar ist. Warum hat Open Source immer mehr Relevanz? 

In den letzten zehn Jahren hat der Reifegrad von und die Finanzierung für Open-Source-Projekten zugenommen. Dadurch eignen sich Open-Source-Projekte für die Entwicklung kommerzieller Lösungen immer besser. Während sich frühe Open-Source-Projekte darauf konzentrierten, die kommerzielle Bindung an die damals dominierenden Produktfirmen zu umgehen (z.B. Linux, MySQL), können kann man aktuelle Projekte als Teil eines Ökosystems der Innovation sehen. Sie bauen kommerzielle Barrieren ab und gleichen parallel dazu Wettbewerbsbedingungen aus: Kleine Unternehmen können zu großen kommerziellen Projekten mit Open Source beitragen, ohne dass ihre Kunden Sorgen haben müssen, dass die Lösungen nicht langfristig gewartet werden können. Der Code ist offen und kann von jedem modifiziert werden, was Vertrauen schafft. Tatsächlich sind ausgereifte Open-Source-Projekte aufgrund der inhärenten Begutachtung durch Fachkollegen und den vielfältigen Einsatzszenarien tendenziell sicherer und stabiler als neue Entwicklungsprojekte auf dem “Green field”.

Welche Rolle spielt deiner Ansicht nach das Open Source-Betriebssystem Linux als Plattform? 

Linux war ein früher Open-Source-Erfolg und hat eine große Entwickler- und Anwender-Fangemeinde, sowohl privat als auch kommerziell. Es war für den Aufstieg der Cloud-Technologie von zentraler Bedeutung, und jeder von uns verwendet wahrscheinlich täglich verschiedene Produkte, die auf Linux basieren (Android-Telefone, Smart-TVs, Auto-Infotainment, intelligente Geräte und diverse Netzwerk- und Speicherprodukte). Der Linux-Kernel wurde zur Unterstützung zahlreicher CPUs portiert und ist das Herzstück der meisten Rechenzentren und sogar von Supercomputernetzwerken. Aber auch, wenn Linux das Vorzeigekind der Open-Source-Gemeinschaft ist, geht es bei Open Source heute um viel mehr als nur um ein Betriebssystem 

Und welcher Bedeutung kommt Open Source-Software im wirtschaftlichen bzw. kommerziellen Sinne zu? 

Open Source ist "big business”. Unternehmen, die ihr Betriebsmodell auf der Bereitstellung von Dienstleistungen und Produkten rund um ihr Open-Source-Angebot aufgebaut haben, werden auf Milliardenhöhe geschätzt: Red Hat wurde für 32 Milliarden Dollar an IBM verkauft, GitHub wurde von Microsoft für 7,5 Milliarden Dollar gekauft, MongDB wurde mit 2,5 Milliarden oder Elestic mit 5 Milliarden Dollar bewertet. Einige Unternehmen sehen Open Source als ein gültiges Geschäftsmodell, das "virale" Unterstützung durch Entwickler nutzt, die ihre Lösungen übernehmen, anstatt sie zu vermarkten. Oder indem sie Dienstleistungen aufgrund ihrer Commit-Rate für beliebte Open-Source-Projekte anbieten. In gewisser Weise werden ihre Code-Commit-Scorecard und ihre technische Präsenz bei Veranstaltungen der Entwickler-Community zu einem wertvollen Marketingkanal. 

Was sind deiner Einschätzung nach die größten Vorteile von Open Source, und für wen?

Open Source hat einen großen Einfluss auf Unternehmen, die sich für die Übernahme in ihre eigenen Lösungen entscheiden. Es gibt offensichtliche wirtschaftliche Vorteile, wie die Reduzierung der Entwicklungskosten durch die Wiederverwendung von Komponenten. Es liegt aber auch ein enormer Wert in der Möglichkeit, Lösungen rascher zu entwickeln, einen Wettbewerbsvorteil durch einen schnelleren Markteintritt zu erzielen und die Vorab-Investitionskosten für neue Entwicklungen oder die Erprobung neuer Ideen zu senken.  

Für Anbieter besteht der Vorteil darin, dass sie ihren Wert auf der "gleichen Wettbewerbsbasis" von Peer-Review-Verfahren, die von Peer-Accepted Open Source akzeptiert werden, unter Beweis stellen können. Sie können Ihre Kompetenz gut mit anderen Anbietern vergleichen, sodass sich auch kleinere Anbieter beweisen können, insbesondere in Nischenbereichen. 

Wie kann Open Source bei der Bewältigung von großen Krisen und Problemen wie jener des Coronavirus helfen? 

Die Open-Source-Gemeinschaft ist ein Ökosystem von Enthusiasten, die ihre Fähigkeit bewiesen haben, schnell auf neue Herausforderungen zu reagieren. Im Zuge der COVID-19-Krise entstand eine Vielzahl von Open-Source-Projekten mit lokalen und globalen Lösungen, von Dashboards bis hin zu spezifischen Lösungen für die Versorgungskette oder zur Nachverfolgung von Lösungen für das Gesundheitssystem 

Open Source beschränkt sich nicht mehr nur auf Software, sondern es gibt auch Hardware-Initiativen, die im Zusammenhang mit COVID-19 besonders relevant sindSiehen Sie dazu beispielsweise hier.

Okay. Jetzt eine etwas andere Frage: Was hat Open Source mit Agilität zu tun? 

Ich denke, dass für Unternehmen, die sich für Open Source entschieden haben, Agilität ein Hauptmotivator ist. Sie ermöglicht ihnen einen schnelleren Markteintritt und sorgt für Inspiration zu neuen Ideen und deren Austestung. Psychologisch befreit Open Source auch in gewissem Maße von sunken cost fallacy, das heißt schon investierte Kosten schaffen eine möglicherweise irrationale Bindung zu schon getätigtem Aufwand. Bei Open Source hat man naturgemäß nicht alleine in die Lösung investiert, sondern die ganze Community, dadurch können Entscheidungen mutiger gefällt werden. 

Welche Rolle spielt Open Source bei TietoEVRY?

TietoEVRY ist unter den 20 führenden Mitwirkenden in der Linux-Community! Wir haben eine lebhafte interne Community von Linux-Benutzern und –Entwicklern. Und wir nutzen Linux für kommerzielle Entwicklungsprojekte für unsere Kunden. Wir tragen zu vielen anderen Open Source-Communities (z.B. ONAP, OpenStack, Open vSwitch) bei, sowohl im Kontext interner Projekte als auch im Namen unserer Kunden. Außerdem portieren wir Linux-Kernal-Funktionalität und andere Open Source-Lösungen für bestimmte CPU-Varianten und bieten Entwicklungs- und Wartungsdienstleistungen rund um die Open-Source-Technologie an.  

Aber der größere Einfluss unserer Arbeit mit Open Source ist die Vertrautheit, die wir mit vielen der Community-Lösungen gewonnen haben. Das ermöglicht unsrasch einsatzfähige Lösungen für unsere Kunden zu finden und die Entwicklung neuer Lösungen mit geeigneten Open Source-Tools und -Projekten zu beschleunigen. 

Was ist also der Haken bei Open Source? Was schränkt angesichts der vielen Vorteile von Open Source die Akzeptanz dafür ein?

Die Technologie entwickelt sich ständig weiter, was großartig ist, aber auch eine der größten Herausforderungen von Open Source mit sich bringt: Einige Projekte entwickeln sich einfach nicht. Sie stagnieren, werden von einem einzigen Mitwirkenden dominiert oder werden einfach durch ein anderes konkurrierendes Projekt, das sich als De-facto-Standard in diesem Bereich etabliert hat, obsolet gemacht. Man denke zum Beispiel an die Edge-Computing-Lösungen, bei denen es konkurrierende Open Source-Projekte für Edge-Plattformen gibt, die meist durch größere kommerzielle Operationen unterstützt werden: Baidu treibt OpenEdge voran, Dell steht hinter EdgeC Foundry, Huawei hinter KubeEdge, Microsoft hat das IoT Edge und AT&T treibt Akraino für 5G IoT voran. Wir werden sehen, welches sich durchsetzen wird - und für welches Szenario. Hier können Experten wie jene bei TietoEVRY helfen, eine Meinung zu bilden oder sogar schnell Alternativen für den jeweiligen Anwendungsfall auszutesten. Die Realität sieht so aus, dass Open Source-Projekte zu neuen Industriestandards werden. Das bedeutet, Unternehmen mit einem starken Eigeninteresse investieren stark, um ihre Technologiepräferenzen zu fördern

Danke für dieses interessante Interview, Nick!

 

Neugierig auf mehr?

Wenn Sie mehr über Open Source, die Cloud-Technologie, Application Management und IT-Architekturen wissen möchten, besuchen Sie unsere Digital Transformation Page und kontaktieren Sie Nicholas Hamblin per E-Mail oder telefonisch unter +43 664 887 81 210. 

  

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